Die Realismusdebatte Frauen als Männer verkleidet

Als Autor wird man gegebenenfalls irgendwann einmal mit dem Hinweis (oder gar Vorwurf) konfrontiert, eine bestimmte Szene oder ein bestimmter Aspekt der aktuellen Geschichte sei unrealistisch.
Nun möchte ich an dieser Stelle gar nicht die Grundsatzdiskussion anregen, wie realistisch ein fiktiver Roman – erst recht, wenn er z.B. dem Fantasy-Genre zuzuordnen ist – überhaupt sein sollte. Denn sicherlich gibt es in nahezu jedem Roman Aspekte, bei denen durchaus zu recht eine gewisse Realitätsnähe eingefordert werden kann. Korrekte Ortsbeschreibungen beispielsweise, sofern der Roman an realen Schauplätzen spielt.

Manchmal hingegen entsteht der Vorwurf, etwas sei unrealistisch, aber vielleicht auch nur, weil der besagte Aspekt aus der eigenen, persönlichen Lebensrealität heraus beurteilt wird und man sich etwas anderes gar nicht als möglich vorstellen kann.

Unerkannt als Mann verkleidet – realistisch oder nicht?

Bei meiner historischen Vampirromanserie Zeitgenossen verhält es sich zum Beispiel so, dass die Hauptfigur Gemma im Jahr 1574 in London geboren und im Jahr 1599 in eine Vampirin verwandelt wurde. Obwohl in jener Zeit mit Elizabeth I. eine Frau auf dem englischen Thron saß, hatten Frauen damals – und auch noch in den nächsten Jahrhunderten – wenig Rechte. Auch in der sogenannten westlichen Welt waren Frauen noch viele Jahrhunderte lang den Männern nicht gleichgestellt. Sie durften beispielsweise nicht alleine reisen oder ohne Erlaubnis und Fürsprache des Vaters, Bruders oder Ehemannes eine Ausbildung beginnen, einen Beruf ausüben oder Besitz erwerben.
Meine Protagonistin Gemma wollte aber all diese Dinge tun. Sie verkleidete sich aus diesem Grund desöfteren als Mann und kam damit auch meistens durch – beziehungsweise wurde nur von den wenigsten als Frau erkannt.
Genau dieser Aspekt wurde nun bei den Zeitgenossen gelegentlich als unrealistisch beanstandet.

Darum möchte ich an dieser Stelle gerne mal ein paar historische Beispiele anführen, bei denen Frauen tatsächlich längere Zeit unerkannt – oder eben stillschweigend akzeptiert – als Männer gelebt haben.

Catalina de Erauso – Die Abenteurerin

Juan van der Hamen y León zugeschrieben [Public domain]

Mit 4 Jahren ins Kloster gesteckt, entfloht die baskische Adlige Catalina de Erauso zu Beginn des 17. Jahrhunderts mit 16 Jahren der gestrengen Aufsicht der Nonnen. Um fortan ein freieres und selbstbestimmteres Leben führen zu können, schnitt sie sich die Haare ab und verkleidete sich als Mann. Unter dem Namen Francisco de Loyola arbeitete sie unter anderem als Page für verschiedene adlige Herren, reiste später mit dem Schiff nach Südamerika, wurde wiederholt in Kämpfe verwickelt und landete mehrfach Gefängnis. Ihrer Autobiografie zufolge lebte sie Jahrzehnte lang als Matrose und Soldat als Frau unter Männern, ohne je erkannt zu werden.

Quellen:
Isabel Hernández: From Spain to the Americas, from the convent to the front: Catalina de Erauso’s shifting identities

Jeanne Baret – Die Forscherin

By: Unknown [Public domain]

Die Französin Jeanne Baret gilt als die erste Frau, die die Welt umsegelt hat. Möglich war ihr dies nur, indem sie sich als Mann verkleidete, da Frauen der Aufenthalt auf dem Schiff eigentlich verboten war. 1740 als Tochter eines Tagelöhners geboren, wurde Baret bereits als Kind von ihrer Mutter in die Geheimnisse der Kräuterkunde eingeweiht. Als Erwachsene verkleidete sie sich dann als Mann, um den Botaniker (und ihren mutmaßlichen Geliebten) Philibert Commerson als Kammerdiener und Assistent auf der Expedition Louis Antoine de Bougainvilles in den Südpazifik zu begleiten. Gemeinsam mit Commerson sammelte und bestimmte sie hierbei unzählige Pflanzenarten, deren Entdeckung aber allesamt Commerson zugeschrieben wurden. Die Schiffsbesatzung bemerkte hierbei anscheinend Barets wahres Geschlecht nicht, entlarvt wurde sie erst, als dieEinwohner Tahitis sie als Frau erkannten.

Quellen:
Irene Meichsner: Die Weltumseglerin Jeanne Baret

Deborah Sampson – Die Soldatin

Engraving by George Graham. From a drawing by William Beastall, which was based on a painting by Joseph Stone. [Public domain]

Deborah Sampson verkleidete sich im Jahr 1782 in Massachusetts als Mann, um in die Kontinentalarmee einzutreten und fortan im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gegen Großbritannien zu kämpfen. Vermutlich aufgrund ihrer kräftigen Statur unerkannt, diente sie unter dem Namen Robert Shirtliff 17 Monate lang in der Armee, bis sie schließlich verwundet und ehrenhaft entlassen wurde. Nachdem sie jedoch ihr wahres Geschlecht offenbart hatte, wurde ihr eine Rente verweigert und so hielt sie später Vorträge über ihren Kriegsdienst, um etwas Geld zu verdienen.

Quellen:
Chicago – Michals, Debra. »Deborah Sampson.« National Women’s History Museum. 2015. www.womenshistory.org/education-resources/biographies/deborah-sampson.

Sarah Emma Edmonds – Die Spionin

Unknown author uploaded by user Hephaestos on en.wikipedia [Public domain]

Die Kanadierin Sarah Emma Edmonds verkleidete sich Mitte des 19. Jahrhunderts als Mann, um vor einer unerwünschten Verheiratung zu fliehen. Die Verkleidung erlaubte es ihr, unabhängig zu reisen und Arbeit zu finden. 1861 trat sie dann als Frank Thompson in die United States Army ein, um im Amerikanischen Bürgerkrieg zu kämpfen. Zunächst arbeitete sie als Sanitäter, aber als ein Freund von ihr, der als Spion für die Union tätig gewesen war, entlarvt und hingerichtet wurde, bewarb sie sich um dessen Posten und erhielt ihn. Fortan spionierte sie unter verschiedenen Identitäten in der Konföderiertenarmee und übermittelte der Union diverse wichtige Papiere und Informationen. Als sie an Malaria erkrankte, verließ sie die Armee, aus Sorge, in einem Militärhospital als Frau entlarvt zu werden. Später stieß sie auf Fahndungsplakate, die Frank Thompson als Deserteur suchten und kehrte darum nicht mehr in ihrer Verkleidung zurück, sondern übernahm eine Stelle als Krankenschwester in einem Hospital in Washington.

Quellen:
Nurse and spy in the Union army: comprising the adventures and experiences of a woman in hospitals, camps and battle-fields / by S. Emma E. Edmonds.

Isabelle Eberhardt – Die Orientreisende

By: Louis David [Public domain]

1877 als Tochter russischer Emigranten in der Schweiz geboren, weigerte sich die unkonventionelle Schriftstellerin Isabelle Eberhardt schon als Kind, Mädchenkleider zu tragen. Als erwachsene Frau verbrachte sie einen Großteil ihres Lebens damit, in Männerkleidung durch Algerien zu reisen. „Im korrekten Kleid eines jungen europäischen Mädchens hätte ich nie etwas gesehen, die Welt wäre mir verschlossen geblieben, denn das Außenleben scheint für den Mann und nicht für die Frau gemacht zu sein.“ (Isabelle Eberhardt: Sandmeere, Bd. 1 Tagwerke) Sie führte ein Nomadenleben, ritt auf ihrem Araberhengst durch die Wüste, trat zum Islam über und nahm sich algerische Liebhaber. Sie schrieb mehrere Bücher über ihr abenteuerliches Leben und heiratete später Slimène Ehnni, einen Offizier der französischen Armee in Algerien. Ihre Reiselust trennte sie jedoch immer wieder von ihrem Mann und 1904 kam sie schließlich bei einer Überschwemmung ums Leben.

Quellen:
Barbara Hodgson: Die Wüste atmet Freiheit: Reisende Frauen im Orient 1717 bis 1930
FemBio: Isabelle Eberhardt

Murray Hall – Der weibliche Politiker

Murray Hall war ein Kautionsagent und Politiker in New York, der Ende des 19. Jahrhunderts als einflussreiche Persönlichkeit bekannt und geschätzt war. Er lebte mit seiner Frau und ihrer beider adoptieren Tochter in Greenwich Village. Besondere Berühmtheit erlangte er, als bei seinem Tod festgestellt wurde, dass er eigentlich eine Frau und an Brustkrebs gestorben war. Ursprünglich in Schottland als Mary Anderson geboren, lebte Hall fast 25 Jahre lang unentdeckt als Mann, was es ihm/ihr unter anderem ermöglichte, zu wählen und als Politiker zu arbeiten.

Quellen:
History Matters: Gender Bender: Mary Masquerades as Murray

Sisa Abu Daooh – Die Arbeiterin im heutigen Ägypten

Zum Abschluss ein moderner Fall, der zeigt, dass sich Frauen in bestimmten Gesellschaften auch heute noch gelegentlich aus sozialer Notwendigkeit als Mann verkleiden und dabei unerkannt bleiben: Die Ägypterin Sisa Abu Daooh verkleidete sich nach dem Tod ihres Mannes als Mann, um Arbeit zu finden und sich und ihre Tochter ernähren zu können. Auf diese Weise lebte sie 43 Jahre lang unentdeckt und hatte die Möglichkeit, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. 2015 offenbarte sie sich und erhielt vom ägyptischen Präsidenten eine Auszeichnung als »vorbildliche, arbeitende Mutter«.

Nachzulesen unter anderem hier:
https://www.sueddeutsche.de/panorama/auszeichnung-durch-praesident-aegypterin-verkleidet-sich-jahre-lang-als-mann-1.2407626